Camino del Norte - Küstenweg

2006

Der Camino del Norte beginnt in Irun, an der spanisch-französischen Grenze, und verläuft teils in Küstennähe, teils direkt an der Küste, über ca. 850 km bis Santiago de Compostela, wobei er bei Ribadeo die Küste verlässt und durch das gallicische Bergland führt. Bei Arzúa vereint er sich mit dem Camino Frances und man bestreitet dann gemeinsam mit den Pilgern dieses Weges die letzten 40 km. Da ich über den Küstenweg bereits ein Buch veröffentlicht habe, werde ich hier nur in verkürzter Form berichten.

Als ich mit meinen beiden Pilgergefährtinnen Martina und Marlene im Mai 2006 zu meiner ersten Pilgerreise aufbrach, galt der Camino del Norte fast noch als Geheimtipp. Die Pilger, denen wir auf der ersten Etappe begegneten, konnte man, wenn nicht an einer, so doch an zwei Händen abzählen. Der Weg war aber damals schon gut markiert, die vorhandenen Herbergen waren teils gerade erst eröffnet worden und die Hospitaleros noch voller Enthusiasmus.

Wir flogen mit Lufthansa von München nach Bilbao, im ersten Jahr mit Zischenstopp in Stuttgart, in den folgenden Jahren dann direkt. Von dort mit dem Shuttlebus zum Busbahnhof - Térmibus - und weiter mit der Busgesellschaft Alsa nach Irun. Wir waren alle drei absolute Pilger-Anfänger und an unseren riesigen Rucksäcken und der nagelneuen Funktionskleidung auch unschwer als solche zu erkennen. Ich weiß noch, wie stolz wir alle drei waren, dass wir es geschafft hatten, das Gewicht unserer Rucksäcke auf 11 kg zu beschränken. Neben meinem ultraleichten Schlafsack hatte ich eine Isomatte, Softshellhose, Regenhose und Fleecehose, Wandersandalen, nicht nur eine Regenjacke, sondern auch noch eine Fleecejacke und eine Softshelljacke, einen Fleecepulli und die restlichen Klamotten (Unterwäsche, Hose, T-Shirt) jeweils in doppelter Ausführung dabei. Jede von uns trug Duschgel, Shampoo, Erste-Hilfe-Set, Taschenmesser usw. mit sich. Marlene nahm einen Schirm mit, der allerdings gleich beim ersten Einsatz zu Bruch ging, und Martina hatte kurzzeitig überlegt, sich einen kleinen Reise-Fön zu besorgen. Und weil ich gelesen hatte, dass ungeschälte Mandeln viel bessere Energiespender wären, als Traubenzucker, hatte ich davon mindestens ein Kilo eingepackt - zusätzlich zum halben Kilo Elektrolyt-Pulver.  Der 45-Liter-Rucksack musste schließlich ausgelastet werden. Anfänger eben!

Wir waren voller Vorfreude und Erwartung als wir in Irun aufbrachen. Schnell hatten wir die Stadt hinter uns gelassen und wanderten Richtung Meer. Wir wollten den Abstecher über Hondarríbia machen und dort erst einmal frühstücken. Zu dem Zeitpunkt hatten wir überhaupt noch keine Ahnung davon, wie weit 32 km sein können! Doch der Tag sollte es uns lehren!

Wir schafften an diesem ersten Tag lediglich etwa zwei Drittel der Strecke, die wir uns vorgenommen hatten. Schon der erste Anstieg hinauf auf den Berg Jaizkibel zeigte uns unsere Grenzen auf. Am Kloster Guadalupe mussten wir bereits die Wasserflaschen nachfüllen und hofften darauf, dass wir auf der Strecke noch weitere Möglichkeiten dazu finden würden. Wir hatten unterschätzt, wie hoch der Flüssigkeitsverlust bei Temperaturen um die 32°C ist. Die Landschaft war wunderschön, sie verlangte uns aber auch allerhand ab. Am Nachmittag bekam ich erste Krämpfe oberhalb der Knie und als wir endlich den Hafen von San Juan erreichten, stand für uns fest, dass wir den Rest der Strecke bis San Sebastián mit dem Bus zurücklegen würden.

Kloster Guadalupe

San Sebastian begeisterte mich restlos. Der weite Concha-Strand, der Blick auf die vor-gelagerte Insel Santa Clara und die Statue des Hl. Sebastian hoch über der Bucht, ent-schädigten für die Mühen des ersten Tages. Wir quartierten uns in der Jugendherberge am Ende des Ondarreta-Strandes ein und besichtigten am nächsten Vormittag erst einmal einen Teil der Stadt. Heute weiß ich, dass wir dabei die Altstadt ausließen, da diese ganz im Osten der Concha-Bucht zu finden ist. Dafür trafen wir pünktlich zum Gottesdienst in der Kathedrale Buen Pastor ein.

Am Nachmittag packten wir unsere Rucksäcke und wanderten weiter. Der Weg führte hinaus aus der Stadt und zunächst hinauf auf den Berg Igeldo, von wo aus man noch einmal die ganze Bucht überblicken konnte. Zum Glück war es nicht mehr so heiß wie am Vortag, dafür setzte leichter, aber beständiger Nieselregen ein und streckenweise wurde es etwas windig. Wir waren froh, als wir die Herberge in Orio nach knapp 13 km erreichten.

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Friedhof bei Guernika
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In Orio hatten wir Glück und konnten die Kirche besichtigen, die hoch über dem Hafen thront. Von den Nonnen ergatterten wir sogar noch einen Stempel fürs Credencial. Durch Wiesen und Wälder, über Berge und Täler, zog sich unser Weg nun wieder bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Am späten Nachmittag bekam Martina Bauchkrämpfe. Während Marlene und ich unser Wasser vorzugsweise in Flaschen kauften, füllte Martina die ihre stets an Brunnen und Wasserhähnen auf. Offenbar vertrug sie dieses stark gechlorte Wasser aber nicht. Zwischen Zumaia und Deba, unweit der Autobahn, beendeten wir die Tagesetappe nach 20 km und bezogen Quartier in einem Agroturismo.

Am nächsten Morgen ging es Martina zwar wieder besser, dennoch trödelten wir ziemlich herum und kamen erst gegen Mittag im nur vier Kilometer entfernten Deba an. Wir hatten eigentlich bis Cenarruza laufen wollen, um dort im Kloster zu übernachten, verliefen uns aber bei einer im Buch beschriebenen Abkürzung und landeten bei zwei alten Damen in einem Casa Rural, die uns mit ihrer Fürsorge überhäuften. Wir nahmen uns vor, tags darauf nur gute 10 km zu wandern, weil wir auf dieser Etappe nur in Cenarruza die Möglichkeit hatten, einmal in einem Kloster zu nächtigen.

Wir brachen ohne Frühstück auf und holten dies in Markina-Xmein gleich doppelt nach. Hier trafen wir durch Zufall den Bürgermeister der Stadt, der offenbar Zeit hatte, und es sich nicht nehmen ließ, drei Pilgerinnen seine Stadt zu zeigen. Einige Stunden und mehrere Bar-Besuche später, machten wir uns dann aber endgültig auf den Weg nach Cenarruza, wo wir erstmals auf eine größere Anzahl von Pilgern trafen und dadurch auf unseren Isomatten im Feien schliefen. Vorher besuchten wir aber die Pilgermesse im Cistercienster-Kloster.

Von Cenarruza aus wanderten wir in aller Herrgottsfrühe weiter bis Guernika. Petrus meinte es noch immer gut mit uns und verwöhnte uns mit Sonne und herrlich warmen Temperaturen. In Guernika beschlossen wir spontan, den Großraum Bilbao zu umgehen und fuhren per Bus bis Portugalete. Hier hatten wir erstmals etwas Schwierigkeiten, eine Unterkunft zu finden. Wir kamen schließlich in einer günstigen Pension unter, bekamen aber an diesem Abend kein Abendessen. Dafür wurde mir in der Nacht das Handy geklaut.

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Auch am folgenden Morgen zogen wir ohne Frühstück los. Von Hunger geplagt verließen wir Portugalete und fielen im nächsten Dorf über das Pintxo-Angebot der erstbesten Bar her. In Pobeña hätten wir uns gerne irgendwo einquartiert, um einen halben Tag am Strand zu verbringen. Aber angeblich war alles ausgebucht. Ich glaube allerdings, man wollte nur keine Eintages-Gäste haben. So zogen wir in der Mittagshitze weiter bis nach Ontón, wo es im alten Rathaus eine Übernachtungsmöglichkeit geben sollte. Die Ernüchterung war groß, als wir dort nach insgesamt 20 km ankamen. Das Gesuchheitsamt hatte das Rathaus geschlossen. Wieder waren wir auf den Bus ange-wiesen, der uns nach Castro Urdiales brachte, wo wir in der Damen-Umkleide der Sporthalle nächtigten.

Als wir von hier am Sonntag früh starteten und an einer Churrería am Hafen zuerst einmal unsere Mägen mit Churros und einer Unmenge geschmolzener Schokolade marterten, wussten wir noch nicht, dass uns die härteste Tages-Etappe der diesjährigen Tour bevorstand. Das Gelände war zwar nicht sehr anspruchsvoll und wäre unter normalen Umständen einem Spaziergang gleichgekommen, doch hatte Marlene starke Schmerzen in der Hüfte, was sie uns zunächst aber verheimlichte. Aber schon nach wenigen Kilometern ließen sich ihre Schmerzen nicht mehr überspielen. Zuerst trugen Martina und ich abwechselnd Marlenes Rucksack zusätzlich zu unserem eigenen. Auf diese Weise kamen wir natürlich kaum noch vorwärts. Während einer ausgedehnten Mittagspause, teilten wir dann den Inhalt aus Marlenes Rucksack auf unsere Ruucksäcke auf. Lediglich den Schlafsack ließen wir Marlene noch tragen.

 

Nach etwa 8 km erreichten wir ein Rasthaus an der Nationalstraße, in dem aktuell enorm viel los war, und ich hatte eigentlich an der Rezeption nur nach dem Busfahrplan fragen wollen. Doch die Wirtin, die gerade ziemlichen Stress angesichts der vielen Mittagsgäste hatte, überreichte mir, ohne lange zu fragen, den Schlüssel fürs Pilgerzimmer, sagte, es koste pro Person 9 Euro und wir könnten bei der Abreise zahlen. Weg war sie und wir sahen sie auch an diesem Tag nicht wieder. So bezogen wir ein riesiges Zimmer mit großem Balkon und Meerblick und während Marlene sich sofort auf eines der Betten warf, ließ Martina mir den Vortritt im Bad, das ich für die nächste Stunde nicht mehr verließ.

Auch am letzten Tag unserer ersten Pilger-Etappe schafften wir die vorgenommene Strecke nicht. Gleich zu Beginn schlugen wir erstmals einen falschen Weg ein, wurden aber von einem freundlichen Mann in seinem Jeep auf den rechten Weg zurückgebracht. Nun stapften wir Kilometer um Kilometer idyllisch neben der Autobahn einher. Am frühen Nachmittag trafen wir an einer Raststätte auf ein älteres englisches Ehepaar, das so freundlich war, uns in die nächste Stadt zu fahren. Seitdem wandern jährlich zu Weihnachten Grußkarten zwischen mir und Jean und Peter hin und her, und von der Pilger-Bekanntschaft seiner Großeltern inspiriert, machte sich der Enkel der beiden vor ein paar Jahren auf den Weg nach Santiago.

Wir dagegen liefen lediglich noch von Laredo aus, wo Jean und Peter uns abgesetzt hatten, bis Colindres, holten uns den Schlüssel für die Herberge in der Polizeistation ab und bezogen Quartier im Gemeindezentrum. Tags darauf fuhren wir per Bus zurück nach Bilbao, sahen uns noch einen Tag lang die Stadt an, bevor es für dieses Jahr vorbei war mit dem Pilgern.

2007

Marlene hatte das ganze Jahr über weiter Probleme mit ihrer Hüfte und kam deshalb nicht mit. So nahmen wir uns vor, den Umweg durch die Picos de Europa mitzunehmen. Gestartet wurde wiederum im Mai und ich sag´s gleich vorweg, das Wetter war bescheiden. Wir flogen wieder nach Bilbao, fuhren aber gleich weiter nach San Vicente de la Barquera. Während der ganzen Busfahrt regnete es und in San Vicente kamen wir zwar trocken in unsere Unterkunft, doch brach sogleich nach unserem Eintreffen ein heftiges Gewitter los. Wir hatten in einer Pension für die erste Nacht ein Zimmer gebucht und die Wirtin beteuerte, dass das Wetter ab dem nächsten Tag besser werden sollte. Als wir jedoch am nächsten Morgen erwachten, zeigte sich noch nichts von einer Wetterbesserung. Es war alles grau in grau und es wehte ein kalter Wind. Gar kein Vergleich zu den angenehmen Temperaturen des Vorjahres. Es zog uns nicht wirklich hinaus in diesen Regen und wir trödelten bis Mittag in der Stadt herum, bestaunten die alte Römerbrücke, liefen ein Stück hinaus zum Strand Oyambre und sahen den Wellenreitern zu, die die Gunst der Stunde nutzten und sich in die Brandung stürzten. Schließlich kehrten wir zurück zur Bushaltestelle, um nachzusehen, wann denn ein Bus in unsere Richtung fahren würde. Mit dem wollten wir zumindest die halbe Tagesetappe abkürzen. Doch der Weg hat seine eigenen Gesetze und will gelaufen werden. Es gab keinen Bus. Mit ziemlicher Verspätung schulterten wir dann doch die Rucksäcke und begannen endlich unsere diesjährige Etappe.

San Vicente de la Barquera
Römerbrücke
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Am Ende des Tages alles nass

Wir liefen im Regen meist an wenig befahrenen Landstraßen entlang und erreichten am späten Nachmittag ein kleines Dorf mit einer Herberge, bei der man nach telefonischer Anmeldung Einlass erhielt. Leider mussten wir mehr als eine Stunde warten, bis eine Frau kam, die uns einließ und waren dementsprechend durchgefroren. Das einzige Gasthaus in dem Dorf machte gerade Ferien und zu allem Überfluss war mein Rucksack vom Boden her total durchweicht und somit mein Schlafsack triefend nass. Als ich später versuchte, ihn über einem Ölradiator zu trocknen, flog ziemlich schnell die Sicherung raus. Zum Glück hatten wir von Mittag noch riesige Bocadillos mit Schinken, Thunfisch und Rührei und in der Herberge gab es eine Mikrowelle. Später kam die Hospitalera noch einmal und brachte uns einen Liter heißen Kakao und Milchbrötchen.

Wir schliefen gut und blieben trocken, obwohl an mehreren Stellen das Wasser durchs Dach tropfte. Am Morgen regnete es noch immer in Strömen und die Hospitalera ermöglichte uns, mit dem Schulbus einige Kilometer mitzufahren, bis zu der Stelle, wo der Pilgerweg die Straße verlässt. Nun führte uns ein recht unwegsamer Pfad hinauf ins Gebirge zum Pass, dem Collado de Pasaneo und zu den Ruinen der Pilgerherberge "Venta de los Lobos". Der Regen ließ ein wenig nach, dafür wurde es immer nebliger, was den mühseligen Abstieg durch eine Schlucht nicht gerade leichter machte. Am Nachmittag erreichten wir das Dorf Lebeña und hatten eigentlich vor gehabt, die kleine Kirche zu besichtigen, die sehr sehenswert sein sollte. Wir waren aber leider am falschen Tag da - montags ist Ruhetag! Hungrig und müde erreichten wir am späten Nachmittag das Dorf Tama und quartierten uns in der erstbesten Pension ein. Martina hatte da bereits die ersten Blasen an den Füßen und meine linke Achillessehne meldete sich zu Wort. Zu essen gab es noch nirgends etwas, wir waren noch zu früh dran, aber als wir dann wenigstens ein bisschen Brot und Käse kaufen wollten, hatten die Wirtsleute gegenüber unserer Pension wohl doch Mitleid mit uns und warfen extra für uns die Küche an. Und weil es schon wieder goss wie aus Eimern und der Wirt nicht mit weiteren Gästen an diessem Abend rechnete, sperrte er sein Lokal zu und wir verbrachten einen recht netten Abend zusammen mit den Wirtsleuten. Während des Essens sahen wir im Fernsehen, dass gerade ganz Spanien im Regen ersoff.

Am nächsten Tag war das Wetter etwas besser und wir wanderten die Straße entlang bis Potes - dem Tor zu den Picos de Europa. Potes ist touristisches Zentrum der ganzen Gegend und dementsprechend überlaufen und von Souvenirshops geprägt. Wir frühstückten erst einmal ausgiebig und sahen uns dann etwas im mittelalterlichen Städtchen um, bevor wir gegen Mittag die paar Kilometer zum Kloster Santo Toríbio de Liébana in Angriff nahmen. Das Kloster beherbergt das Cruzis lignum, das größte erhaltene Fragment des Kreuzes Christi, und darf deshalb, neben Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem, Heilige Jahre ausrufen. Das aktuelle Hl. Jahr hatten wir gerade um wenige Tage verpasst und so standen wir auch am Kloster Santo Toríbio vor verschlossenen Toren. Auf dem Weg zur Jugendherberge, in der wir übernachten wollten, kamen wir an einer Posada vorbei und nahmen uns kurzerhand hier ein Zimmer. Und hier konnten wir dann, auf dem Balkon sitzend, endlich auch einmal bei strahlendem Sonnenschein das Berg-Panorama bewundern.

Ab hier begann tags darauf unsere Wanderung durch die Picos de Europa. Das Wetter war sehr wechselhaft, immer wieder setzten teils heftige Schauer ein, dann lugte die Sonne wieder zwischen den Wolken hervor und trieb uns den Schweiß nicht nur auf die Stirn. Die Wege waren aufgeweicht und der Schlamm setzte sich in das Profil unserer Schuhe, so dass bald jeder Schritt zur Qual wurde. Martina kämpfte zudem gegen eine beginnende Grippe an und fiel immer mehr hinter mir zurück. Am Nachmittag kamen wir an eine Weggabelung und die Wegweiser zeigten an, dass der rechte Weg zur Kapelle Santuca de Áliva und weiter nach Sotres, unserem Tagesziel, führte, der linke Weg dagegen zu einer Berghütte. Es gab keine Kilometerangaben und die Berghütte wurde auch nicht in meinem Pilgerführer erwähnt. Hätten wir gewusst, dass diese Hütte bewirtschaftet war und der Weg dorthin zudem gar nicht mehr so weit, wären wir dem linken Weg gefolgt. So setzten wir unseren Weg in Richtung Sotres fort und brachen einen halben Kilometer hinter der Kapelle unsere Tagesetappe ab, um in einem Viehunterstand zu übernachten.

Auch die folgende Etappe war alles andere, als ein Zuckerschlecken. Wir starteten früh und passierten auf unserem Weg etliche verlassene Bergdörfer. Der Weg wurde zum Pfad und verlor sich schließlich auf den Almweiden. Wir waren nun ganz auf den Pilgerführer angewiesen und orientierten uns am markanten Berg Pico de Uriellu, oder Naranjo de Bulnes, wie er im Volksmund heißt. Der Abstieg zum Dorf Bulnes führte über vom vielen Regen glitschig gewordenes Steinpflaster an einem Bach entlang. Gegen 14:00 Uhr trafen wir in Bulnes ein und gönnten uns zunächst einmal eine Flasche Cidra, bevor wir unsere Pritschen in der Herberge aufsuchten. Das Wasser in der Dusche kam über eine Pumpe direkt aus dem Gebirgsbach und war mit seiner Temperatur dazu geeignet, Tote zu erwecken. Wir genossen den halben Tag Pause und schlenderten mehrmals durch das kleine Bergdorf, in dem der Dorfesel im Vorraum der Kirche wohnt. Die Ruhe und Beschaulichkeit dort oben tat uns gut und auch das Wetter meinte es, bis auf zwei heftige Gewitter, gut mit uns.

Der Abstieg am nächsten Morgen hatte es in sich! Der Weg führte auf schmalem Pfad die Schlucht entlang. Teilweise war der Pfad direkt in die senkrechte Wand gehauen und schwebte ohne Seil oder Geländer hoch über dem Abgrund. Wir waren froh, als wir am späten Vormittag heil am Grund der Tejo-Schlucht ankamen. Da wussten wir auch noch nicht, was uns an dem Tag noch erwarten sollte. Beladen mit Proviant und Wasser für zwei Tage brachen wir in die Cares-Schlucht auf. Wir wussten nicht, ob die Hütte an den Seen von Covadonga schon geöffnet war, oder ob wir im Zelt schlafen mussten. Das Wetter war an diesem Tag ausgesprochen gut. Bei unserem Aufbruch in die Schlucht war kein Wölkchen am Himmel. Sonst wären wir dieses Wagnis gar nicht eingegangen. Wir folgten einem wunderschönen Weg, der langsam aber stetig an Höhe gewann, bis sich der Cares tief unter uns seinen Weg durch den Fels bahnte. Auf halber Strecke verließen wir den Wanderweg und stiegen aus der Schlucht auf. Der Pfad war steil und beschwerlich und verlangte uns allerhand ab. Wir fanden eine Quelle und füllten unseren Wasservorrat gleich wieder auf. Gegen 15:00 Uhr kamen wir auf die Hochebene und suchten für unsere Pause in einem verlassenen Dorf etwas Schutz vor dem Wind. Plötzlich zogen Regenwolken und Nebel auf und wir brachen sofort wieder auf. Die Orientierung wurde immer schwieriger und durch den Nebel hatten wir kaum noch 50 m Sicht. Mit Karte und Kompass schafften wir es, die Seen von Covadonga zu erreichen, ohne im Gebirge verloren zu gehen. Wir trafen allerdings erst um 22:00 uhr an der Hütte dort ein und waren überglücklich, dass diese tatsächlich schon bewirtschaftet wurde. Wir waren an diesem Tag mehr als 14 Stunden gewandert und hatten dabei 22 km und etwa 2000 Höhenmeter zurückgelegt.

Die knapp zehn Kilometer von den Seen bis zum Kloster Covadonga liefen wir auf der Landstraße. Wir hatten keine Lust mehr, im strömenden Regen durch Schlamm und Morast zu waten. Wir kamen bereits um die Mittagszeit am Kloster an und bezogen ganz und gar ungeniert ein Zimmer im dortigen Grand-Hotel, von wo wir uns die nächsten 24 Stunden nicht mehr wegbewegten.

In den nächsten drei Tagen wanderten wir eher unspektakulär bis Gijón, während sich Martinas Gesundheitszustand immer mehr verschlechterte. Der grippale Infekt hatte sie nunmehr voll im Griff. Sie hatte sich in Covadonga zwar etwas erholt, aber der stete Regen, der auch in diesen letzten drei Tagen der diesjährigen Etappe nicht nachließ, forderte erneut seinen Tribut. In Amandi brachen wir die Tagesetappe bereits um die Mittagszeit ab und fanden Quartier in einer sündteuren Villa, wo Martina den Rest des Tages verschlief.

So endete dieser zweite Abschnitt meines Abenteuers "Jakobsweg" für uns beide sehr unterschiedlich. Während mich gerade die widrigen Umstände der Wanderung, wie auch der Weg durch das Gebirge selbst, in besonderem Maße gestärkt hatten, entschied Martina für sich, dass dies das Ende ihres Jakobsweges sei. Für sie würde es keine weitere Etappe mehr geben.

2009

Im Jahr 2008 setzte ich für ein Jahr aus, weil ich mit meinen 47 Jahren noch einmal die Schulbank drückte, bzw. an dem Arbeitsprojekt für die Prüfung zur Landwirtschaftsmeisterin arbeitete. Seitdem kann ich etwas leichter vom Hof weg, weil wir jetzt jährlich einen Lehrling ausbilden.

Martina wollte nicht mehr mitkommen und auch Marlene gab mir wiederum einen Korb. So startete ich diesmal alleine und auch nicht erst im Mai, sondern bereits am 19. März. Ich wollte außerdem nicht in Gijón starten, sondern in Laredo loslaufen. Dort hatten wir den ersten Abschnitt des Camino beendet und ich wollte hier an den Weg anknüpfen und auf der Original-Strecke bis Gijón wandern.

Der Wetterbericht war nicht besonders rosig, denn er sagte Schneefall für die nordspanischen Regionen voraus. Auch Zuhause war es bei meinem Abflug in München noch recht kalt und ich trug die warm gefütterte Softshellhose und die etwas dickere Fleece-Jacke. Der Rucksack hatte durch die leichte und warme Kleidung, die er beherbergte, auch nicht gerade weniger Gewicht als sonst. Wie sich jedoch herausstellte, kann man dem spanischen Wetterbericht genaus wenig vertrauen, wie dem deutschen, denn es herrschten sommerliche Temperaturen bei meiner Ankunft in Bilbao. Ich nahm mir vor, mich am Flugplatz noch umzuziehen, sobald ich meinen Rucksack vom Band genommen hätte. Und genau darin lag das große Problem dieser Etappe! Mein Rucksack kam nicht in Bilbao an! Am Schalter von Spain-Air versprach man mir, mich sofort zu informieren, sobald er eintreffen würde.

 

Mit nichts weiter als den Winterklamotten, die ich am Körper trug, sowie dem, was ich in meiner Hüfttasche hatte - Personal- und Pilgerausweis, Pilgerführer, Kreditkarte, ein paar Münzen und mein Handy (Ladekabel war im Rucksack) - fuhr ich zur Jugendherberge von Bilbao und nahm mir dort ein Zimmer. Und weil der 19. März "San José" in weiten Teilen Spaniens - so auch im Baskenland - Feiertag ist, konnte ich mir nicht einmal eine Zahnbürste kaufen. Ich verbrachte auch noch die folgende Nacht in Bilbao ohne etwas von meinem Rucksack zu hören und besorgte mir am 21. März eine neue Ausrüstung, in der Hoffnung, dass Lufthansa - über die ich gebucht hatte - diese bezahlen würde. Mit neuem Rucksack, der neben einer Zahnbürste und einem Handtuch leldiglich noch eine leichte Hose, eine leichte Regenjacke (leider nicht atmungsaktiv), ein T-Shirt und einen ebenso leichten Schlafsack beherbergte, fuhr ich nach Laredo und startete nach Mittag zu meiner ersten Tour. Ich war noch nie mit derart leichtem Gepäck unterwegs gewesen. Ich musste mich ganz schön sputen, wollte ich die Herberge von Padre Ernesto in Güemes vor Einbruch der Dunkelheit noch erreichen, doch so schnell ich auch lief, ich schaffte es nicht. Kurz nach Sonnenuntergang gabelten mich zwei Frauen auf der Straße auf und nahmen mich die letzten paar Kilometer mit, um mich direkt an der Herberge abzuliefern. Ich wurde dort aufgenommen wie die sprichwörtlich verlorene Tochter und es fehlte mir an nichts in dieser Nacht. Lediglich der Schlafsack, den ich mir da gekauft hatte, war etwas zu klein geraten.

Ich war der einzige Pilger gewesen und hatte am nächsten Morgen das große Glück, alleine mit Don Ernesto zu frühstücken, wobei er mir nicht nur viel über die Gegend und die Landwirtschaft in dieser Region erzählte, sondern auch über sein Leben. Don Ernesto war lange Jahre als Missionar in Südamerika tätig und seine Herberge, die er im Keller seines Elternhauses ausgebaut hat, erzählt davon in Bildern und Exponaten in Vitrinen. Heute ist er Pfarrer der Nachbargemeinde Bareyo und Seelsorger im Gefängnis in Santoña. Ich habe noch nie einen Menschen mit solch einer Ausstrahlung getroffen, wie man sie bei ihm antrifft. Ihn umgibt eine Aura, wie man sie selten spürt.

Als ich wieder aufbrach, gab er mir den Rat, nicht dem markierten Weg zu folgen, der an der Nationalstraße entlangführt, sondern auf dem Fernwanderweg an der Küste entlang zu wandern, der nur einen geringfügigen Umweg bedeutete. So erreichte ich noch vor Mittag Somo und setzte mit der Fähre nach Santander über. Von hier aus führte der Camino unattraktiv durch Industriegebiet und die Vororte von Santander, um schließlich mehr oder weniger illegal eine Eisenbahnbrücke zu überqueren. Die Alternative bedeutete einen Umweg von mehreren Kilometern. Ich verspürte weder zum einen noch zum anderen Lust und beschloss, die Bahnbrücke legal zu überqueren, nämlich mit der Bahn. So kaufte ich mir in Santander ein Zugticket und fuhr damit bis Mogro. Die Nacht verbrachte ich in der Herberge in Polanco, nach einer kalten Dusche, frierend in meinem zu kleinen Schlafsack.

Die Kälte und ein heftiger Juckreiz an den Füßen trieben mich früh aus dem Bett und ich suchte im Dorf erst einmal nach einer Bar, in der ich ein ordentliches Frühstück zu mir nahm. Der Wetterbericht sagte für die ganze Woche Sonnenschein und sommerliche Temperaturen voraus und dieses Mal sollte er recht behalten. Ich hatte mich seit Monaten auf das Städtchen Santillana del Mar gefreut, wollte dort einen halben Pausetag einlegen und die Höhlen von Altamira besichtigen. Durch meinen frühen Aufbruch traf ich weit vor Mittag dort ein und erfuhr, dass die ganze Stadt, einschließlich der Höhlen, montags auch ihren Pausetag hat. Ein einziger Souvenirladen hatte geöffnet und ich kaufte mir dort ein Taschenmesser und zwei Wegwerf-Kameras. So brach ich nach einem zweiten Frühstück und einem kurzen Rundgang durch das mittelalterliche Städtchen wieder auf. Wenigstens konnte ich jetzt ein paar Fotos machen. Meine Kamera war ja mit dem Rucksack irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs und selbst wenn ich damals bereits im Besitz eines Smartphones gewesen wäre, hätte ich den Akku sicher nicht mit Fotografieren geschwächt. Das Handy wurde von mir lediglich einmal am Tag eingeschaltet, um zu sehen, ob Martina, die sich von zu Hause aus mit Spain-Air herumschlug, irgendwelche Infos für mich hatte.

Ich wanderte weiter bis Cóbreces, übernachtete im dortigen Kloster Santa María da Viaceli und stand nach einem weiteren Tag vor der abgerissenen Brücke in La Rábia, wo mir ein Bauarbeiter erklärte, dass es hier nicht weiterging, sondern ich nun noch einen Umweg von acht Kilometern vor mir hätte, bevor ich in San Vicente de la Barquera - unserem Startpunkt der Tour durch die Picos de Europa - ankäme.

Auf dem Umweg wurde ich mehrfach von vorbeifahrenden Autofahrern gefragt, ob ich mitfahren wolle. Das ist ein typisches Verhalten der spanischen Bevölkerung Pilgern gegenüber: so wenig Verständnis man für Pilger hat, die den Weg durch Bus- oder Zugfahrten abkürzen, so hilfsbereiter ist man, wenn die markierte Strecke nicht begangen werden kann oder sich ein Pilger gar verlaufen hat.

Kurz bevor ich San Vicente erreichte schaltete ich mein Handy ein, um zu sehen, ob ich irgendwelche Nachrichten hätte. Und siehe da, eine spanische Telefonnummer hatte mich erreichen wollen. Ich rief sofort zurück und hatte eine Dame vom Lost-and-found-service am Apparat, die mir erklärte, dass man meinen Rucksack noch nicht gefunden hätte und man die Suche jetzt einstellen wollte, weil die Welt ja so groß wäre und man nicht wusste, wo man noch suchen sollte. Ich hatte gleich bei der Ankunft angegeben, dass auf dem Gepäckschein als Destination Lissabon angegeben war und wollte nun wissen, ob man denn da nicht nachgefragt hätte. Ich gab nochmals Martinas Telefonnummer an, mit der Bitte, diese Option doch noch zu checken. Als ich eine halbe Stunde später mein Handy wieder aktivierte, fand ich eine Sprachnachricht von Martina vor, dass der Rucksack am nächsten Tag mit dem ersten Flug aus Lissabon eintreffen würde. Ich solle eine Adresse angeben, wohin man ihn bringen sollte. So rief ich wieder bei Spain-Air an und teilte die Adresse der Pilgerherberge von San Vicente mit. Gegen Mittag würde man mir meinen Rucksack bringen.

Die Herberge von Luiz und Sofia ist alles andere als gemütlich - zumindest wenn man im zeitigen Frühjahr dort ankommt. Die Herberge befindet sich im Keller der ehemaligen Marineschule. Es ist kalt und feucht dort in den Räumen. Doch die Herzlichkeit und Fürsorge der Hospitaleros lässt einen dies beinahe vergessen und die große Fotowand im Aufenthaltsraum ist so fänomenal wie die Aussicht von dort oben, hoch über der Stadt. Meiner Bitte, am nächsten Tag in der Herberge bleiben zu dürfen bis mein Rucksack ankäme, wurde von den beiden nicht ganz uneigennützig entsprochen. Als nämlich am folgenden Tag die anderen Pilger, die dort übernachtet hatten, abgezogen waren, stellte mir Luiz einen Liegestuhl in den Garten, Sofia übergab mir den Pilgerstempel, die Kasse und den Schlüssel für die Küche, und weg waren die beiden! Bis mein Rucksack mittags ankam, döste ich im Garten in der Sonne vor mich hin. Nur der Herbergskater biss mich ab und zu in die Zehen und störte damit meine Ruhe.

Pünktlich um die Mittagszeit kam ein Bote mit meinem Rucksack auf dem Rücken schwitzend und stöhnend die Stufen zur Altstadt hoch. Am liebsten wäre ich sogleich aufgebrochen - aber in meiner Eigenschaft als Teilzeit-Hospitalera konnte ich die Herberge nicht einfach so verlassen. Außerdem hatte ich nun ja zwei Rucksäcke und einige Ausrüstung doppelt und musste dieses Problem erst lösen. So packte ich die bisher getragene, verschmutzte Wäsche und alles, was ich meinte auch weiterhin entbehren zu können, in den neuen Rucksack und brachte diesen später zur Post, wo er in einen Karton wanderte und auf die lange Reise nach Deutschland geschickt wurde. Nebenbei angemerkt: Er kam fast zwei Wochen nach mir Zuhause an und wurde nahezu sofort entsorgt, weil ich vergessen hatte, das angebrochene Päckchen Käse herauszunehmen. Der Geruch, der dem Paket entströmte, war unbeschreiblich!

Am späten Nachmittag startete ich nach einem Abschiedsessen, das Luiz zubereitet hatte, wieder auf den Camino und der Rucksack auf meinen Schultern wog so viel mehr, als ich in der vergangenen Woche hatte tragen müssen! Außerdem merkte ich plötzlich, dass mir mein heiß geliebter Weggefährte gar nicht optimal passte. Ich hoffte, Esther und Marcel, zwei Pilger, die ich während der letzten drei Tage stets abends in den Herbergen getroffen hatte, in Colombres wiederzusehen. So stellte ich an diesem Tag einen persönlichen Rekord auf und lief die gut 18  Kilometer bis Colombres,  in knapp drei Stunden. Doch ich sollte die beiden verfehlen, weil sie in einer privaten Herberge untergekommen waren (mit unfreundlichen Hauswirten und kaltem Wasser in der Dusche und kaltem Zimmer), während ich zur Sporthalle außerhalb des Dorfes weiterlief, in der Pilger übernachten konnten. Völlig ausgelaugt kam ich dort an, wurde vom Hallenwart überaus zuvorkommend empfangen, bekam ein Lager in der Damen-Umkleide direkt neben der Heizung, über der ich, nachdem ich ganz heiß geduscht hatte, meine Wäsche trocknen durfte. Gewöhnungsbedürftig war es allerdings schon, nachdem die Fußballer ihr Training beendet hatten, so mutterseelenalleine in einer riesigen Sporthalle zu schlafen.

Espero a Pauline

von der Saußbachklause

Pferde- und Landwirtschaftsmeisterin

geboren am 16. Dezember 1960

verheiratet

bisher drei veröffentlichte Bücher

Hobbys Wandern, Malen, Schreiben und Pauline

Border Collie

geboren am 26. Dezember 2018

ledig und kastriert

Besuchs- und Lesehund

Hobbys Obedience, Tricks, Löcher in den Garten graben

Regina Haumaier

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